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GOOD-BYE HOWARD

 

 

Tournee 2003

Anfang in Siegen | Ende in Köln

 

Deutschlands Schmusesänger nimmt Abschied. Nach über 35 Jahren im Showgeschäft geht Howard Carpendale noch einmal auf Tournee. Sein letztes "Hello again".

Jetzt, wo er aufhören will, kommen sie ihm plötzlich nicht mehr mit einem schulterklopfenden "Howie", sondern sagen respektvoll "Herr Carpendale". Und er genießt es. Genau so wie diese Pressekonferenz vor zwei Wochen im Kölner E-Werk, auf der er ankündigt, er werde ein Club-Konzert geben. Just hier, wo sonst die abgefahrenen jungen Gruppen auftreten. Mit Rock und Independant. Und nun er. "Ein Rock-Konzert", sagt Carpendale, ganz in Schwarz lässig ins Ledersofa gedrückt, und beeilt sich, leise hinterher zu schicken: "Wenn ich dieses Wort benutzen darf, ohne dass ihr es falsch versteht."

Er durfte. Niemand gibbelte, keiner fragte erstaunt: "Wie? Howard Carpendale und Rock?", keiner mokierte sich darüber, als er erzählt, dass er sich dabei von den Rolling Stones hat animieren lassen, "die ja auch schon mal Ähnliches gemacht haben. Eine geile Idee." Vielleicht kam ihm dabei das heimische Terrain zugute, in Köln, jener Stadt, in der er lange Jahre gelebt hat. Vielleicht aber ereilte ihn da die ersehnte Anerkennung, und wenn auch nur für den eigenen Anspruch, mehr als ein x-beliebiger Schlager-Fuzzi zu sein.

in concertSiegen, Siegerlandhalle, zwei Wochen später. Kein Club-Konzert, sondern Tournee-Auftakt. Der Saal birst vor lauter Frauen. Junge, ältere, alte. Ältere vor allem. Dauergewellte Löwenmähnen, adrette Kurzhaar-Frisuren. Es soll ihr Abend werden, und es (Er!) wird der ihre werden. Wie viele seiner Konzerte haben sie schon miterlebt, sind ihm hinterher gereist von Halle zu Halle. Dem Mann ihrer Träume. Dem Mann mit der sanften Stimme. Dem Mann, der so einzigartig "Isch will Disch" singen kann.

Und dann kommt er. Zieht ein wie ein Boxer. Im Kegel des Scheinwerfers, begleitet von melodramatischen Klängen schreitet er durch die Siegerlandhalle, der Bühne entgegen. Links und rechts Security. Vorneweg, die Augen überall, Detlev Schilling, der sich selbst auch gern mal "Hühnerscheucher" nennt. Ein furioser Auftritt.

"Nachts, wenn alles schläft. . ." setzt Carpendale an, und die Halle steht, klatscht seinen Rhythmus, wiegt sich. Linkes Bein, rechtes Bein. Und danach, als wolle er gleich den richtigen Ton angeben, legt er den von Blue gecoverten Elton John-Song "Sorry seems to bei the hardest word. . ." nach.

Kein x-beliebiger Schlager-Fuzzi sein. Im E-Werk, nach der Pressekonferenz, spricht er von seinem eigenen künstlerischen Anspruch. Von seinem Perfektionismus. Gute Musiker. Bestes Licht. "Ich könnte jeden Abend über 10 000 Euro sparen. Ich habe in den 30 Jahren auf Millionen verzichtet, aber ich will eine gute Produktion abliefern", sagt der 57-Jährige.

In Siegen sitzt er bald auf einem weißen Barhocker. Wieder lässig, wieder in Schwarz. Und er plaudert. Moderiert den Abend und sich selbst. Mal nachdenklich, mal witzig. Immer, so scheint es, im vollen Bewußtsein, was sein Publikum, was die Frauen da unten im Saal von ihm erwarten: "Setzen Sie sich hin, entspannen Sie, relaxen Sie. Ich habe alles im Griff!"

"Die Spuren im Sand", "Dann geh doch" "Ti amo" - er wird ihnen alles geben. Und sie beantworten sein "Tür an Tür mit Alice" humorvoll mit dem parodistischen "Who, the fuck is Alice?". Längst hat Detlev, der Hühnerscheucher, klein beigegeben. Noch einmal stürmt er mit gerecktem Arm, mit gestrecktem Zeigefinger auf die Bühne, um die Frauen zu vertreiben. Doch längst ist alles zu spät. Der Hahn ist im Korb. Die Stuhlreihen sind gelichtet. Rote Leuchtherzen schunkeln. Dazwischen sitzen, wie vergessen, ein paar einzelne Ehemänner in Windjacken, die in ihrer Not die Arme vor der Brust verschränkt halten. Ihr Abend ist das nicht.

Eines Morgens, als Carpendale in Florida, wo er jetzt zuhause ist, aufwachte, habe er gewusst: Jetzt mache ich meine letzte Tournee, meine letzte Platte. Aufhören, wenn es noch nicht peinlich ist. In Siegen und an den anderen 46 Konzertabenden wird er diese nette Geschichte erzählen: "Ich war neulich auf einer Party. Da saß Johannes Heesters und er fragte mich: ´Mensch, Howie, bist Du das? und ich antwortete "Ja, ich bin´s." - Er: "Mensch, lebst Du noch?"

Zwei Stunden, zwanzig Minuten. Ein "Danke!". Ein "Macht es mir nicht so schwer!" Ein Abschied auf Raten. Noch scheint es ihm nicht wirklich schwer zu fallen, gerät die Nachdenklichkeit zur Pose. Zwei Monate noch wird Howard Carpendale unterwegs sein. Abend für Abend einen Saal voller Frauen glücklich machen. Wie immer wird er bis kurz vor Konzertbeginn mit seinen Musikern pokern, und dann - "Zwölf Minuten, länger brauche ich nicht!" - schnell duschen, Haare föhnen, umziehen.

Wie immer wird Detlev, der Hühnerscheucher, sich schon genau überlegt haben, wie er seinen Boss am besten aus der Halle ins Hotel bugsiert. Ungesehen. Ohne, dass die Fans, sprich die Frauen, ihn noch einmal zu greifen bekommen. Detlev hat da seine Tricks, weiß, wie man die notfalls abhängt. Damit nicht noch einmal so eine Geschichte passiert wie in Hamburg, als plötzlich eine Frau in Carpendales Hotelbett lag. "Da ist Detlev ausgerastet", sagt der Sänger.

Zwei Stunden zwanzig. Aus. Vorbei. Glückliche Gesichter, traurige. Einige Frauen kramen nach Taschentüchern. Für Howard Carpendale wird es erst am letzten Abend richtig schwer. Am 13. Dezember in der Köln-Arena. Zuhause, vor Freunden, wenn sogar seine 91-jährige Mutter aus Südafrika anreist. "Dann", sagt er, "ist definitiv Schluss."

 

[Artikel 9.10.2003 WAZ]

 

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