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4. Adventswoche
Gedicht | Falsche
Liebe |
Why Xmas? |
Das Weihnachtsgeschenk |
Einsam
Einsam am Heiligen
Abend
Herman Bang (1857-1912)
Jedesmal
wenn Weihnachten kommt, muss ich an Herrn Sörensen
denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames
Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.
Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten
Klasse. Er war gut. Im Winter bröselte er sein ganzes Frühstücksbrot für die
hungrigen Spatzen vor dem Fenster zusammen. Und wenn im Sommer die Schwalben
ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel, wie
sie mit hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer
betrübt.
Im Städtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein
wohlhabender Mann. "Nicht wahr, Herr Sörensen hat Geld?" fragte ich einmal
meine Mutter. "Ja, man sagt's." - "Ja ... ich hab' ihn einmal weinen sehen,
in der Pause, als ich mein Butterbrot holen wollte ..."
"Herr Sörensen ist vielleicht so betrübt, weil
er so allein ist", sagte meine Mutter. "Hat er denn keine Geschwister?"
fragte ich. "Nein - er ist ganz allein auf der Welt..."
Als dann Weihnachten da war, sandte mich meine
Mutter mit Weihnachtsbäckereien zu Herrn Sörensen. Wie gut ich mich daran
erinnere. Unser Stubenmädchen ging mit, und wir trugen ein großes Paket, mit
rosa Band gebunden, wie die Mutter stets ihre Weihnachtspäckchen schmückte.
Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß
gefegt. Ich getraute mich kaum einzutreten, so rein war der weiße Boden. Das
Stubenmädchen überbrachte die Grüße meiner Mutter. Ich sah mich um. Ein
schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen, lauter
schwarz geschnittene Profile, wie ich sie nie vorher
gesehen hatte.
Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und
fragte mich, ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte. "Und wo wird Ihr
Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?" - "Ich? Ich habe keinen, ich bleibe
zu Hause."
Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken
an Weihnachten in diesem "Zuhause". - In dieser Stube mit den schwarzen
kleinen Bildern, den schweigenden Büchern und dem alten Sofa, auf dem nie
ein Mensch saß - ich fühlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen
Stube, und ich schlug den Arm vors Gesicht und weinte.
Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und
drückte sein Gesicht an meines. er sagte leise: "Du bist ein guter, kleiner
Bub." Und ich drückte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend.
Als wir heimkamen, erzählte das Stubenmädchen
meiner Mutter, ich hätte gebrüllt.
Aber ich schüttelte den Kopf und sagte: "Nein,
ich habe nicht gebrüllt. Ich habe geweint. Und weißt du, ich habe deshalb
geweint, weil nie jemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht einmal am Heiligen
Abend..."
Später, als wir in eine andere Stadt zogen, verschwand Herr
Sörensen aus meinem Leben. Ich hörte nie mehr etwas von ihm. Aber an jenem
Tag, als ich an seiner Schulter weinte, fühlte ich, ohne es zu verstehen,
zum ersten Male, dass es Menschen gibt, die einsam
sind. Und dass es besonders schwer ist, allein und
einsam zu sein an Weihnachten.
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