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Barbara | Traurige Weihnachten

Traurige
Weihnachten
©
Heinz Bornemann/Hamburg
Wie
jedes Jahr zur Weihnachtszeit, emsiges Treiben in der Stadt. Ein Geschiebe
und Gedränge, als gäbe es jedes Geschenk nur einmal zu kaufen. Kaum ein
Blick für den Musiker, der mit steif gefrorenen
Fingern versucht, seiner Geige das Lied vom immer grünen Tannenbaum zu
entlocken. Nur die Nase atmet in der eisigen Luft den Duft von Lebkuchen und
Bratwürsten.
Oma
Schulz braucht noch ein Geschenk für ihren Enkel. Sie bindet ihrem schon
recht alten Hund die Leine um, denn allein mag er nicht bleiben und fährt
mit ihm im überfüllten Bus in die Innenstadt.
"Wäre
ich doch nur zu hause geblieben" stöhnt sie, als sie
die Menschenmassen sieht. Der Hund hat natürlich die Bratwurst auch
gerochen, aber typisch, dafür hat sein Frauchen keine Nase. Sie boxt sich
regelrecht durch die Massen, der kleine Kerl weiß gar nicht, wie er die
vielen Beine umlaufen soll. Sein Herz rast schon heftig, man ist nicht mehr
der jüngste. Endlich haben beide ihr Ziel erreicht und wie ein Wunder hat
sogar ein Verkäufer im überfüllten Laden Zeit für sie. "Da
haben sie Glück," meint der junge Mann,
"dies war der letzte Kopfhörer",
er streichelt lächelnd den Hund, "bitte bezahlen sie
an der Kasse, frohe Feiertage". "So
ein netter Mensch", denkt Oma Schulz,
"komm mein Kleiner, wir haben es bald geschafft".
An der langen Schlange vor der Kasse geht es nur langsam voran, aber endlich
kann man das muffig warme Klima des Ladens verlassen und draußen tüchtig
durchatmen. Schnell, jetzt versuchen wir noch einen Platz im Bus zu
ergattern.
"Komm,
nicht so langsam", ruft Oma Schulz ihrem Hund zu, da
merkt sie entsetzt, dass es für ihn wohl zuviel Stress war. Er liegt
friedlich auf der Seite, sein schwaches Herz hat aufgehört zu schlagen.
Völlig verzweifelt ruft sie unter Tränen um Hilfe, doch die Menschen hasten
achtlos an ihr vorbei. So nimmt sie langsam ihren kleinen Hund auf den Arm,
während der Bus gerade an der Haltestelle eintrifft. "So
kann ich sie nicht mitnehmen, das Befördern von toten Tieren ist mir nicht
gestattet", brummelt unfreundlich der Busfahrer.
Selbst der Protest der anderen Fahrgäste kann ihn nicht umstimmen. Die
Bustür schließt sich mit einem Zischen und in der Spiegelung der
vorbeirauschenden Fenster sieht man die Umrisse der entsetzten Frau.
"Was mache ich nur?"
Da
fällt Oma Schulz der nette Verkäufer ein und eilt zurück in den Laden.
Tatsächlich entdeckt sie ihn gleich im Gewühl. "Nanu,
haben sie etwas vergessen?" meint er gleich
freundlich und erschrickt doch sehr, als er von ihrem Missgeschick hört.
"Passen sie auf gute Frau, ich hole ihnen einen
leeren Radiokarton, darin legen wir ihren Hund und sie haben mit dem
Busfahrer keine Probleme mehr". Oma Schulz nickt nur,
sie erlebt alles nur wie in Trance. Gesagt getan, den Hund gut verpackt im
Radiokarton verlässt sie erneut das Geschäft und stellt sich an die
Bushaltestelle. Die Welt ist auch in der Großstadt klein und so trifft sie
ihre Nachbarin. "Stellen sie sich vor was mir
passiert ist". Man ist zu Recht empört und vergisst
für einen Moment das turbulente Treiben um sich herum.
"Da
kommt unser Bus" Oma Schulz will den Radiokarton
hochnehmen, greift ins Leere und bekommt den nächsten Schreck. Sie sieht
gerade noch, wie ein junger Mann mit ihm eilig im Gewühl verschwindet. "Das
darf doch nicht wahr sein". Wer würde nicht gerne das entsetzte Gesicht des
Gauners sehen, wenn er den Karton öffnet. Vielleicht war es ja ein heilsamer
Schock für ihn. Das ist natürlich kein Trost für Oma Schulz, die ohne ihren
kleinen Hund einsame und traurige Weihnachtstage erleben wird.

©
Heinz Bornemann
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