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Herbstgarten
Der Herbst ist nicht nur das farbigste,
sondern eindeutig auch das schillerndste jahreszeitliche Erlebnis im Garten.
Am Herbst scheiden sich nicht nur die Geister, sondern vor allem die
Gemüter. Er ist für den einen der keimende Vorwinterschmerz der Seele, der
Frühling des Weltschmerzes. Für die anderen wirkt er wie eine Droge des
Genusses und der Lebensfreude. Einschränkungslos kann den Herbst nur
genießen, wer gelernt hat, auch ausschließlich den Augenblick zu leben.
Der Herbst ist vieles. Manchmal Höhepunkt
eines Extasengedichts und manchmal auch Nachklang eines
Köchelverzeichnisses. Er ist aber keineswegs nur Vergehen. Vieles ist aber
auch anders. Die Sonne scheint nicht mehr gnadenlos, eher gnädig. In der
Luft schwingt der unvergleichliche Duft von sterbendem und verwesendem Laub,
von Morbidität und sinnbetörender Naturfülle zugleich. Der Atem der Natur
lässt in einem atemberaubenden jährlichen Schöpfungsakt Leben vergehen, um
die Voraussetzung für ein neues Wachstum nach der ausgedehnten Winterruhe zu
schaffen.
Aber der Herbst ist nicht nur bewegte Natur.
Manchmal kann man in die geradezu atemlose Stille kaum wiegbare Blätter in
stereophoner Unmittelbarkeit zu Boden tropfen hören. Dann beginnt der
Schlussakt des Herbstschauspieles, ehe die letzten sichtbaren Lebensregungen
für die Monate des Überlebenskampfes bis zum nächsten Frühjahr betäubt und
manchmal auch begraben werden.
Herbst ist auch Beerdigung. Er ist einmal
sinnenvolles, rauschendes Grabesfest voll froher Hoffnung und Lebensfreude,
manchmal aber auch melancholischer Abschied von einer Sommerbegegnung.
Herbst ist in der Tat auch Starben. Er ist immer das Sterben der Einjährigen
und naturrhythmisch der Zweijährigen und natürlich vieler anderer, kurz wie
langlebiger. Herbst ist daher auch eine Begegnung des Menschen mit dem Tod,
dennoch ist er nicht die Jahreszeit des Todes. Auch andere Jahreszeiten
konfrontieren mit dem Tod, für den Gärtner in einer überaus nachhaltigen
Weise auch das Frühjahr, wenn ein Teil seiner Pflanzen die Kraft der äußeren
Wiederentfaltung verloren hat.
Aber die Bäume und Sträucher werfen im
Herbst nicht zugleich mit dem Laub auch ihr Leben weg. Auch die Stauden
kapitulieren nur für eine Jahreszeit. Der Herbst ist nicht in seinem
Wesensgehalt Sterben, sondern in erster Linie Maskenball.
Herbst ist auch Erntezeit, Pflanz- und
Säzeit. Pflanzen und Säen ist manifestierte Zuversicht in neues Leben und
die Zukunft. Die Natur investiert selbst in diese Zukunft durch
Selbstaussaat in den Düngegrund des Diesjährigen. Herbst ist gleichsam auch
faunistischer Frühling. Nicht alle Vögel gehen, viele Wintergäste kommen,
und es ist die Jahreszeit der Spinnen und Nebel.
Nebel gehört zu den wichtigsten Requisiten
aus dem Fundus des Herbstschauspiels, vor allem die Bodennebel, wenn die
Bäume und Sträucher wurzellos aus dem Alchimistendunst der Natur aufsteigen.
Alle Gesetze der Vertrautheit scheinen aufgehoben.
Der Gärtner hat es in der Hand, durch seine
Pflanzenauswahl den Herbstrausch in den Garten zu holen. Wenn er der Natur
in seinem Garten nicht die ausstreckte Hand zum Herbstreigen reicht,
verpasst er eine jener Gelegenheiten, die lebensbestimmend sind. Wenn er
dazu auch noch mit dem Herbst vorwiegend das Sterben verbindet, ist er nicht
nur kein kluger, sondern zudem auch auch noch ein unwissender Gärtner. Denn
der herbst ist in erster Linie die Vorbereitung neuen Lebens, ist sozusagen
Wiedergeburtsfest.
Die Wiedergeburt ist längst eingeleitet. Im Herbst ist bereits der
Frühling sichtbar. Das Leben erlischt nicht, es regeneriert. Dank dem, der
die Jahreszeiten gemacht hat, wohl dem, der in ihnen lebt.
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Welkes Blatt
Jede Blüte will zur Frucht,
Jeder Morgen Abend werden.
Ewiges ist nicht auf Erden
als der Wandel, als die Flucht.
Auch der schönste Sommer will
einmal Herbst und Welke spüren.
Halte Blatt, geduldig still,
wenn der Wind dich will entführen.
Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
laß es still geschehen,
laß vom Winde, der dich bricht,
dich nach Hause wehen.
Hermann Hesse
(1877 - 1962)
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